Mental fit in der Corona-Krise – eine Psychologin gibt Tipps

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CAZ-Autorin Marion Fiedler hat die Psychologin Dr. Sabine Stiehler, Leiterin der Psychosozialen Beratungsstelle am Studentenwerk Dresden, um ein paar Tipps gebeten, wie man gerade jetzt mental fit bleiben kann.

CAZ: Die aktuelle Situation mit Ausgangsrestriktionen und Hygienevorschriften, der erhöhten Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus fordert uns alle – wer ist jetzt besonders betroffen? Wie kann man helfen? Und wie sollte man mit Menschen umgehen, die mit der Situation viel strenger oder auch lockerer, als vom Gesundheitsamt empfohlen, umgehen?

Dr. Sabine Stiehler: Besonders trifft es Alleinlebende und ältere Menschen. Alleinlebende, weil der automatische Austausch nicht stattfindet – sie müssen ihn selbst immer wieder herstellen – und Ältere, weil sie besonders gefährdet sind und sich erst recht isolieren müssen.
Menschen, die die Situation „strenger“ sehen, als sie ist, sollten das so tun dürfen. Es wird ihrem Sicherheitsbedürfnis entsprechen. Wichtig ist, dass sie es nicht als „Drama“ an andere herantragen. Da sollte man sich abgrenzen. Menschen, die es „lockerer“ sehen, als es ist, sollte man ernsthaft auf die Gefahren hinweisen, notfalls mit dem „Moralhammer“, dass sie ja vielleicht auch Großeltern haben, die sich bei ihnen anstecken könnten.

Struktur, Struktur, Struktur

CAZ: Wie kann man mit den Veränderungen im eigenen Lebensrhythmusauf eine Weise umgehen, damit man auch mental gesund bleibt?

Dr. Sabine Stiehler: Auf jeden Fall Struktur, Struktur, Struktur. Sich Wochenziele und Tagesziele setzen. Genaue Zeiten für Arbeit und Freizeit. Sich bewegen ist dringend erforderlich. Rausgehen: spazieren gehen, Fahrrad fahren, joggen … sonst ist die Gefahr, zu versumpfen und zu verloddern, groß.

CAZ: Was kann man tun, wenn man Freunde und Familievermisst, sie aber nicht besuchen darf? Wie kann man trotz sozialer Distanz eine emotionale Nähe bewahren? 

Dr. Sabine Stiehler: Zum Glück gibt es die Medien zum Telefonieren, für Videochats und so weiter. Empfehlenswert ist es, sich zu Gesprächen zu verabreden, und wenn das Telefonat beendet ist, einen nächsten Termin zu vereinbaren. Da weiß man, dass man selbst und die Freunde und Familie sich dafür Zeit nehmen und die jeweiligen Gesprächspartner sehr aufmerksam miteinander umgehen. Das schafft Nähe!

Zu viele Nachrichten saugen Energie

CAZ: Wie soll man mit den Nachrichtenumgehen? Wo soll man sich informieren? Gibt es Hinweise darauf, ob zu viele Updates zur Situation auch Probleme bereiten?

Dr. Sabine Stiehler: Zu viele Nachrichten saugen Energie. Man merkt, dass man allmählich erschlafft. Das „Corona-Update“ reicht doch einmal am Tag. Die Informationen wiederholen sich ständig. Und es wird ja fast ausschließlich über Corona gesprochen, was auch verständlich ist. Der persönliche Austausch darüber ist wichtig. Der Austausch könnte jedoch beinhalten, was die Situation in uns auslöst, was wir damit verbinden, und wir könnten zuhören, wie es anderen damit geht, ohne zu bewerten.

CAZ: Wie kann man in dieser Zeit Ruhe und innere Ausgeglichenheit bewahren? Können Sie eine entspannende Atemübung oder Ähnliches empfehlen, die man täglich durchführen kann?

Dr. Sabine Stiehler: Entspannungsübungen sind ein gutes Mittel. Unter „Autogenes Training“, „Progressive Muskelrelaxation“ und „Achtsamkeit“ gibt es viele Anleitungen im Internet. Als Imaginationsübung kann man sich mit geschlossenen Augen einen schönen Ort vorstellen, an dem man sich sicher und geborgen fühlt. Vielleicht aus den letzten Ferien … und man spricht laut vor sich hin, was man sieht und hört und riecht. Das mag erst befremdlich sein, aber wenn man täglich an diesen Ort „zurückkehrt“, wird man noch viel entdecken und kann sich freuen, ein „inneres Zuhause“ in sich zu tragen.

Wie gehen wir mit Ängsten um?

CAZ: Viele Leute werden im Moment krank, gegebenenfalls auch psychisch. Welche Symptome bei sich selbst oder anderen sollte man ernst nehmen und wann sollte man Hilfe suchen? Kann man zum Beispiel in der Zeit der sozialen Distanzierung Ängste entwickeln? Welche Art von Ängsten könnten auftreten? Woran merkt man, dass die Unsicherheit ungesund wird? Wie interveniert man, wenn man merkt, dass es einem selbst schlecht geht? Und wer kann in Zeiten der Isolation bei solchen Problemen helfen, falls man nicht allein klarkommt? 

Dr. Sabine Stiehler: Es werden in diesen Zeiten natürlich Ängste aktiviert – ganz reale Ängste, sich anzustecken und die Angst, dass Angehörige erkranken. Und darunter wird das allgemeine Angstniveau, das ein jeder von uns hat, „getriggert“. Da handelt es sich um biografisch erworbene Ängste, schwierige Erfahrungen, die verdrängt oder abgespalten sind. Insofern kann jeder bei Corona sein individuelles Angstreservoir „ankern“. Wenn das eine Person überflutet, sollte sie sich Hilfe holen und einen Therapeuten anrufen. Es gibt telemedizinische Angebote der Behandlung. Bitte orientieren Sie sich dann auf den Seiten der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen.

CAZ: Wie kann man motiviert bleiben, das Studiumtrotz der unklaren Situation voranzubringen? Der Einfluss der Dozenten ist momentan gerade hinsichtlich des nun eigenständig gestalteten Zeitplans und der eingeschränkten Infrastruktur stark begrenzt. Welche Hinweise zum Selbst-Organisieren haben Sie?

Dr. Sabine Stiehler: Die Selbststeuerung ist ein schwieriger Prozess für viele Studenten. Ich erlebe das in der Beratungstätigkeit häufig beim Verfassen der Abschlussarbeit. Insofern ist diese Zeit jetzt eine gute Übung! Es gilt, Pläne zu machen und diese einzuhalten! Und wenn man sie mal nicht einhält, weiterzumachen. Wichtig ist die Vernetzung mit Kommilitonen. Gegenseitige Kontrollnetze wären gut. Wenn man eine Person hat, der man am Morgen berichtet, was man am Vortag geschafft hat, ist viel gewonnen. Solche Tandems sind sehr zu empfehlen. Man kann während des Berichts auch Spazierengehen. Da entstehen dann vielleicht wieder neue Ideen.

Hilft Ablenkung gegen Unsicherheit?

CAZ: Wie geht man mit den Unsicherheiten um, die man einfach nicht los wird? Ist Ablenkung eine guteStrategie, z.B. auch, wenn es um eine ungewisse Zukunft geht?

Dr. Sabine Stiehler: Unsicherheiten, die man einfach nicht los wird, kann man mal aufschreiben und genauer untersuchen. Einerseits kann man sie zerreißen und auf diese Weise „loswerden“, andererseits könnte man daneben Sicherheiten schreiben, die empfundene Unsicherheit in das Gegenteil verkehren, und schauen, wie weit man davon entfernt ist. Das könnte dann besser verstanden werden. Gegen Ablenkung ist nichts zu sagen, wenn man nicht den ganzen Tag auf der Couch verbringt!

CAZ: Die Medien berichten von Studien aus anderen Ländern, die zeigen, dass es in Haushalten und WGs mit Quarantäne eineerhöhte Gewaltquote gibt. Teils sind die Gewaltübergriffe Erstfälle. Können Sie erklären, wie es zu solchen intensiven Aggressionen im Wohnumfeld kommen kann und wie man sie vermeidet beziehungsweise wie man mit einem entsprechenden Vorfall umgeht?

Dr. Sabine Stiehler: Wir leben im Ausnahmezustand! Dazu gehört, dass manche Menschen von Emotionen überwältigt werden und von Affekten überrascht werden, die sonst gut regulierbar sind, indem jeder sein Maß an Nähe und Distanz lebt, wie es für ihn passt. Das geht gerade nicht. Nähe erzeugt Reibung und manchmal auch destruktive. Uns stört viel mehr als sonst, wie andere sich verhalten, wie sie scheinbar keine Rücksicht nehmen. Wichtig: eigene Bedürfnisse artikulieren! Wichtig: nachgiebig und großzügig sein und verzeihen, wenn es Ausrutscher gibt. „Klappe, die 2.“ durchspielen! Wichtig: keine Vorwürfe machen! Freundliches zum anderen sagen. Wichtig: Dankbar sein, dass man gesund ist und dass es Familie, Partner und Freunde gibt!

Interview: Marion N. Fiedler
Foto: pixabay

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