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Der Dresdner Professor Simon Meier-Vieracker nennt sich auf TikTok @fussballinguist und macht eine steile Karriere auf dem beliebten Videoportal. Inzwischen folgen ihm schon über 21.000 Menschen. Tendenz steigend. 

Simon Meier-Vieracker gehört zu den wenigen Professoren Deutschlands, die auf TikTok aktiv sind. Dort heißt er @fussballinguist und ist mit über 21.000 Menschen, die ihm folgen, sehr erfolgreich. Mittlerweile ist für den Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden aus dem anfänglichen Zeitvertreib eine Art Experiment geworden, aber auch die Gelegenheit, linguistische Inhalte zu vermitteln und nebenbei Marketing für das Fach Linguistik und den Standort Dresden zu betreiben.

TikTok ist wie Twitter zum Gucken

„Ich bin Medienlinguist und habe besonderes Interesse an Social Media, daher muss ich mir gewissermaßen aus einer Berufspflicht heraus alle Plattformen anschauen. So kam ich auch zu TikTok Ich habe mich mit einem Kollegen über die Selbstreferenzialität auf Twitter unterhalten und dieser erzählte mir, ich solle mir einmal TikTok anschauen. Dort sei es genauso, nur visuell statt in Textform. Und dann hat mich der Algorithmus sofort gefangen genommen“, erzählt Meier-Vieracker über die Anfänge seiner TikTok-Karriere.

100.000 Klicks in wenigen Stunden

  Dem Algorithmus hat er auch sein erstes virales Video zu verdanken. Nachdem er mit 30 Followerinnen und Followern und Likes im einstelligen Bereich begonnen hatte, ging eines seiner Videos viral, hatte innerhalb von wenigen Stunden 100.000 Klicks. „Das war der Ansporn für mich, mehr zu machen.“ Begonnen hat er mit Videos, in denen er die Professorenrolle − oder vielmehr die Vorstellung der Studierenden davon − karikiert, indem er beispielsweise zeigt, wie er vorgeblich Noten auswürfelt. 

Seine TikTok-Themen: Syntax, Gendern, Dialekte 

Die linguistischen Inhalte, die er mittlerweile häufig postet, waren anfangs nur ein Experiment: „Ich interessiere mich für Gesprächsforschung und thematisiere auch in der Lehre gerne die Syntax des gesprochenen Deutsch. Das lässt sich sehr gut auf TikTok beobachten. So habe ich einen Stitch gemacht, also einen Teil eines Videos von einer bekannten Influencerin genommen und darauf mit einem eigenen Video reagiert, und so ein sprachliches Phänomen erklärt. Das kam sehr gut an.“ Was die Menschen auf TikTok außerdem interessiert: Dialekte und alles, wo man vermeintlich klar zwischen richtig und falsch unterscheiden kann, z.B. ob man „Sinn machen“ sagen darf oder wie man „Chemie“ korrekt ausspricht. Je mehr Reichweite seine Videos haben, desto mehr „Hate“ erhält er natürlich auch. Insbesondere unter Videos zum Gendern kommentieren regelmäßig auch kritische Nutzerinnen und Nutzer. 

Wissenschaft als Entertainment

Dennoch hat Simon Meier-Vieracker mittlerweile eine kleine Fangemeinde, die regelmäßig kommentiert, und er wurde bereits auf der Straße angesprochen. In seinem Profil kann er sehen, dass die meisten, die ihm folgen, unter dreißig sind. Das begreift er auch als Chance: „TikTok ist eine Entertainmentplattform. Auch wenn man wissenschaftliche Inhalte vermittelt, muss man in dieser Schiene bleiben, aber das eröffnet auch neue Möglichkeiten. Man darf natürlich nicht den Anspruch stellen, dass man darüber großflächig aufklärt, aber man kann kleine Impulse setzen und neugierig machen auf das Fach. Und man macht Werbung für den Standort, was auch ein schöner Nebeneffekt ist.“ Und diese Werbung wirkt, wenn man Kommentaren wie „Wegen dir überlege ich, Linguistik zu studieren“ glauben darf. 

Den Professor einfach mal duzen

Auch von seinen Kolleginnen und Kollegen erfährt er vor allem Zuspruch. Viele sind bereit, die sehr große Reichweite, die das Medium bietet, anzuerkennen. Meier-Vieracker sieht in der Plattform aber auch ein gewisses Disruptionspotenzial für Akademikerinnen und Akademiker. In seinem Projekt DiaDisK am Disruption and Societal Change Center der TU Dresden (TUDiSC) beschäftigt er sich mit der Störung klassischer Wissenssysteme durch Digitalisierung. Ähnliches lässt sich auch auf TikTok beobachten: „Die üblichen Wege der Wissensvermittlung werden umgekrempelt. Man muss Komplexität reduzieren, sich aufs Entertainment einlassen. Man muss auch auf die Aura, die man qua Amt hat, ein Stück weit verzichten. Man wird prinzipiell geduzt, es herrscht ein ziemlicher Distanzverlust und es geht schon ein bisschen ruppig zu. Das ist durchaus disruptiv für die Selbstwahrnehmung als wissenschaftliche Autorität.“ 

TikTok-Tagung für nächstes Jahr geplant

Dennoch würde er sich wünschen, es würden sich noch mehr seiner Kolleginnen und Kollegen genauer mit der Plattform beschäftigen. Simon Meier-Vieracker selbst hat bereits wissenschaftliche Vorträge zum Thema gehalten und bereitet gerade eine eigene TikTok-Tagung im März 2023 vor. Dort sollen die gesamte, bisher noch recht übersichtliche, deutschsprachige Forschung zur Plattform gebündelt sowie Forschende und Content-Creator zusammengebracht werden. „Die manchmal sichtbare Herablassung gegenüber TikTok finde ich inhaltlich falsch und nicht zielführend. Wenn so viele Leute dort sind, sollten wir nicht die Augen davor verschließen.“ 

Text: PR

Bildquellen

  • Linguistikprofessor Simon Meier-Vieracker: CAZ
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